„Ich will Deutschland dienen“ | 5.6.2005 (Prof. Karl Born)5.6.2005: „Ich will Deutschland dienen“

Als Angela Merkel von Edmund Stoiber zur „Kanzlerkandidatin“ ernannt wurde, schloss sie ihre Krönungsrede mit dem devoten Satz: „Ich will Deutschland dienen“. Die BBBs sind überzeugt, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht erwartet, dass sie „für Deutschland dient“. Mit „Leistung für Deutschland“ wären wir alle schon zufrieden. Mit der Definition was „Dienstleistung“ bedeutet, tun sich viele schwer, erstaunlicherweise Politiker/innen ganz besonders.
Kommentar Karl Born:
Da schreiben wir das Jahr 2005 und noch immer wird mit Gewalt versucht den Begriff "Dienen" zu reaktivieren, weil aus dem Wortteil "Dienst" (in Dienstleistung) "Dienen" abgeleitet wird.
"Dienen ist angesagt", postulierte einmal Jürgen Weber, in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Lufthansa, als Antwort auf Beschwerden wegen mangelnder Kundenorientierung seiner Mitarbeiter. Als Vorbild „diente“ er einen Tag am Check-In-Counter. Wer seine Kunden liebt, sollte sie nicht mit einem Lehrling am Counter bestrafen. Schwamm drüber, die so „bedienten“ Kunden sind ja trotzdem bei Lufthansa geblieben. Und warum? Weil sie echte Leistung zu schätzen wissen und auf Dienen gerne verzichten.
Ein Verbands-Unternehmer hat vor kurzem erklärt, das Problem der deutschen Wirtschaft könne man in einem Satz erklären „Wir müssen wieder Dienen lernen“. In Wirklichkeit meinte er „für weniger Geld arbeiten“. Da sind viele „ihrem Unternehmen dienenden“ Top-Manager ja ein echtes Vorbild.
Hatte nicht auch Helmut Kohl immer wieder betont, wie sehr er „seinem Land diene“? Und wem er sonst noch „diente“? Wir kennen sie noch immer nicht.
Nein, liebe „Dienerinnen und Diener“, auf Dienen legen die Bürgerinnen und Bürger genauso wenig Wert, wie Kunden Dienen im Geschäft erwarten. Den Begriff "Dienen" kann man im Zusammenhang mit "Dienstleistung" nicht positiv aufladen. Deshalb sollte man bei seinem Tun den zweiten Teil des Wortes Dienstleistung betonen: Dienst l e i s t u n g.
Nicht "Dienen" ist angesagt, "Leistung" ist angesagt. Leistung für den Kunden (bzw. für die Bürger) ist die moderne Definition von Dienstleistung. Leistung: das ist zeitgemäß, das ist sportlich.
Und was wichtig ist: Leistung kann man vorleben. Oder haben Sie schon einmal auf Dauer einen Chef gesehen, der Dienen „wirklich“ vorlebt? Im Gegenteil, immer wenn jemand zu sehr betont, er wolle nur Dienen, leuchten bei den BBBs rote Alarmlampen auf.
Also liebe Angela, „Leistung“ für Deutschland ist angesagt (wenn es denn sein muss).
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