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26.05.2003 Feuere zwei und verlängere dabei

Das neue Preissystem der Bahn hat (neben den Kunden) auch seine ersten personellen Opfer gefunden: Zwei Bahnvorstände mussten gehen. Aber überraschender Weise gab es auch einen Gewinner, mit dem niemand gerechnet hatte. Der Vertrag von Bahnchef Mehdorn wurde vorzeitig um fünf Jahre verlängert. Verstanden hat es kaum jemand, dabei könnte hinter „Feuere zwei und verlängere dabei“ Methode stecken.
Kommentar Karl Born:
Als das neue Bahn-Preissystem eingeführt wurde lästerte die Zeitung „Die Welt“: „Wenn ein Mann mit Vornamen Bahnchef und mit Nachnamen Mehdorn heißt, muss er sich nicht wundern, dass ihn alle Welt Bahnchef Mehdorn nennt. Wer sieben Tage früher bucht bekommt 40% Rabatt, wer auf den fahrenden Zug springt muss 25% mehr zahlen. Mit der Bahncard kann man telefonieren, Videos ausleihen und die Zimmertüren im Holiday Inn öffnen. Wer einen Platz reservieren will, muss diesen mit einem Handtuch belegen.“ Daraus lernen wir: Man soll nicht auf einen fahrenden Zug springen, endlich gibt es eine Karte mit der man die Zimmertüren im Holiday Inn öffnen kann (mit den normalen Zimmerkarten geht das nämlich meistens schief), ein deutscher Tourist hat immer ein Handtuch für die Reservierung von Sitzen und Liegestühlen dabei und für das alles ist dieser ominöse Bahnchef Mehdorn verantwortlich.
Angenommen, nur mal angenommen, die Sache mit dem Preissystem wäre gut gegangen, dann hätten wir sicherlich einen glänzend gelaunten Bahnchef Mehdorn als stolzen Vater des Preissystems erlebt, der Anspruch auf den Eisenbahner-Olymp erhoben hätte. Nun ja, für den umgekehrten Fall kann man ihn nun wirklich nicht verantwortlich machen, denn seine Planung war ja ok, nur zu dumm, dass die Wirklichkeit sich geirrt hatte. Dementsprechend „stolperte“ Verkehrsminister Stolpe dann auch durch die obligaten abendlichen TV-Interviews.
Dabei hatte die Öffentlichkeit gehofft, dass der Aufsichtsrat den Firmennamen „Die Bahn AG“ richtig interpretieren würde: D ie I ntelligente E mpfehlung:
B itte A nderen H äuptling N ominieren.
A ber G leich.
Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende. In der Verlagsgruppe Bahn GmbH, gibt es den MIBA-Verlag, eine Fachzeitschrift für Miniaturbahnen. Sie hat kürzlich für den „Umbau-Dreiachser“ mit dem Spruch geworben: „Nimm zwei und spar dabei“. Im Folge dieser Geschichte wird, für den Außenstehenden von der Logik her nicht nachvollziehbar, unter der Überschrift „Bananen und Touristen“ geschrieben: „Neulich war im Wirtschaftsteil der hiesigen Tageszeitung zu lesen, der Reiseveranstalter TUI habe zwei Topmanager gefeuert. Nicht dass wir den vermutlich zu Unrecht Geschassten und deren Abfindungen ………“. Tja, liebe Bahnzeitung, wer hätte gedacht, dass diese Geschichte so schnell sich bei der Bahn wiederholen könnte, einschließlich der Überschrift in der Presseerklärung „Bahn strafft Führungsstruktur“ und natürlich mit dem Hinweis, dass diese „Trennung einvernehmlich sei“. Und so wäre wohl der Werbespruch: „Feuere zwei und verlängere dabei“ angebrachter gewesen.
19.5.2003 Eichel auf Mallorca?

Nach der Ökosteuer plant Mallorca schon die nächste Steuer. Die Regierung möchte eine Abgabe für Fernsehgeräte in den Hotels einführen. Die Hoteliers drohen diese „Fernseh-Steuer“ von den Urlaubern zu kassieren. Die Stadt Köln plant die Einführung einer neuen Sex-Steuer für den Besuch von Nachtbars und Sex-Shows. Die mallorquinischen Steuerbeamten sind schon auf dem Weg nach Köln um sich über die neue Einnahmemöglichkeit zu erkundigen.
Kommentar Karl Born:
Im April 2001 erklärte die Präsidentin des Inselrates von Mallorca Antonia Munar, man könne gerne auf jene Urlauber verzichten, denen die Ökosteuer zu hoch sei. Und Tourismusminister Alomar wünschte sich im letzten Jahr: „Der Pauschaltourismus möge um 20% sinken“. Die braven deutschen Urlauber erfüllten nicht nur diese Wünsche, sie übererfüllten sie sogar.
So kann es gehen, wenn man Zauberlehrling spielen will. Zu arrogant waren die Wünsche, man wolle nur noch „gehobenes Golf- und Wellness-Publikum“, auf Familien und die Kumpels vom Ballermann könne man demzufolge gerne verzichten. Wenn dann das ganze noch von Unfreundlichkeiten im Service begleitet wird, darf man sich über das Ergebnis nicht wundern. Jetzt soll eine Imagekampagne den Schaden reparieren und wieder um Familien buhlen, die letztlich die Basis für das Geschäft auf Mallorca sind.
Extrem kontraproduktiv ist da die Ankündigung einer neuen Steuer. Wenn Urlaub idealerweise „Gegenteil vom Alltag“ sein soll, ist „Steuergequatsche im Zielgebiet“ das Gegenteil vom Gegenteil. Vielmehr muss man fürchten, dass jede neue deutsche Steuer, wie zum Beispiel die „Sex-Steuer“ in Köln, über kurz oder lang ihren Gegenpart auf Mallorca finden wird. Die mallorquinischen „Steuererfinder“ sollen sich jedenfalls sofort auf den Weg nach Köln gemacht haben. Lassen wir dahingestellt, wie intensiv sie sich mit dieser Art der Steuererhebung auseinandersetzen werden.
Aber das würde gerade noch fehlen, dass auch noch Urlaubsliebschaften reglementiert und besteuert werden.
12.05.2003 Der Discount-Vorstand

Jetzt hat TUI richtig aufgedreht. Zuerst mit „STOP & GO“ eine Woche Kroatien für 9 Euro, dann die neue Marke „Discount Travel“ in die Welt gesetzt, mit der man möglichst wenig Gäste und Umsatz generieren will (Originalzitat!) und als krönender Abschluss noch zwei Vorstände vor die Tür gesetzt. Chaos als Basis für Managemententscheidungen?
Kommentar Karl Born:
Als TUI-Chef Michael Frenzel erstmals die neue Billig-Strategie der TUI ankündigte, und dies ausgerechnet vor den „Tollen Tagen“, glaubten einige an einen Faschingsscherz (siehe BBB Helau und Alaaf vom 03.03.2003). Inzwischen wurde die Ankündigung wahr gemacht.
Der erste Knaller (Knallerbse?) war die Schaffung von „STOP & GO“. Den Namen kennen wir aus der Formel 1, als Strafe für zu schnelles Fahren. Analog dazu werden viele TUI-Kunden dieses Angebot auch als Strafe für zu schnelles (frühes) Buchen von Kroatien aufgefasst haben. Das neueste „STOP & GO“ Angebot heißt: Vier Tage Bayern mit Golfkurs und Golfausrüstung für 479 Euro. Lassen wir dahingestellt, inwieweit Zielgruppe und Angebot zusammenpassen, jedenfalls sollen schon die ersten Anfragen vorliegen, ob man nicht die Golfausrüstung für 479 Euro kaufen und auf die Reise verzichten könnte.
Wesentlich gravierender ist die Einführung der neuen Marke „Discount Travel“, preislich unterhalb von 1-2-fly positioniert, das ursprünglich als firewall gegen die Billiganbieter dienen sollte, bevor vor etwa zwei Jahren unverständlicherweise (auf Controller-Geheiß?) das Preisniveau nach oben und die Kundenanzahl bei 1-2-fly nach unten ging. Eigentlich sollte „Discount Travel“ das Thomas Cook-Pendant „Bucher-Reisen“ erschrecken. Aber Günter Geske hatte das Original inzwischen wesentlich konsequenter weiterentwickelt. So erschreckte sich vor allem der TUI-Smiley aus Angst um den TUI-Markenkern. Aber der TUI-Smiley bekam sofort Baldrian mit der Aussage, „dass Discount Travel möglichst wenig Gäste und Umsatz generieren sollte, am besten gar keine“. Ähnlich hatte Eisenreich damals bei Übernahme von FTI argumentiert: „Wir werden die Gästezahl runterfahren. Je weniger Gäste wir haben, desto geringer ist der Verlust.“ Nicht auf der so gerne propagierten Welle von Aldi und „Geiz ist geil“, liegt die Aussage „bei Discount Travel gibt es keine Geld-zurück-Garantie“. Abgesehen davon, dass die „Geld-zurück-Garantie“ der TUI (für ein gutes Unternehmen eigentlich selbstverständlich) fast keine Kosten verursacht, ist hier offensichtlich verborgen geblieben, dass für den modernen Verbraucher „Billig“ und „Qualität“ kein Gegensatz mehr ist. Die frühere Maxime von Neckermann und anderen Preiswertanbietern „value for money“ heißt heute für die Kunden von Aldi und Media Markt „More quality for less money“. Demzufolge sind die Garantieaussagen von Aldi, Media Markt und Saturn auch entsprechend vorbildlich.
Einmal auf der Discount-Welle, hat der TUI-Vorstand den Werbespruch von Discount Travel auch auf sich selbst angewandt: „Jetzt geht Rest“ (Zitat aus HAZ). Präziser könnte man es formulieren: „Jetzt geht der Rest, der nicht von Preussag stammt“. Damit wurden alle Vorbehalte und Vorurteile der TUI-Mitarbeiter gegen Preussag voll bestätigt.
Diese Entscheidung hat (wie immer) eine menschliche und eine strategische Komponente. Zur menschlichen gehört, dass Dr. Corsten jetzt zwei Erfahrungen gesammelt hat. Erstens: Wer wie Corsten (Spitzname: Der sanfte Killer) viele seiner Weggefährten wegbeißt, steht am entscheidenden Schluss ziemlich alleine da. Zweitens: Je später man widerspricht, desto geringer ist die persönliche Alternative. Noch einfacher ist die Beurteilung des Abgangs von Gurassa. Die Briten sind zwar die Erfinder des modernen Tourismus, aber so viel anders als früher reisen sie auch heute nicht (So wie die Briten auch die Erfinder des Fußballs sind, aber niemand auf dem Kontinent heute „kick and rush“ spielt.). Insofern zeigt die mehrfache Übertragung englischen Tourismusdenkens 1:1 auf Deutschland nicht nur einen Mangel an Kreativität, sondern auch, dass man sich zuwenig mit dem eigentlichen Problem beschäftigt hat. Kurzum, der Abgang von Gurassa hinterlässt eine Lücke, die ihn wahrscheinlich vollständig ersetzen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass es seinem deutschen Baby HLX besser ergeht als seinem früheren englischen Billigflieger-Baby GO.
Viel entscheidender ist die strategische Aussage, die mit dieser Entscheidung verbunden ist. Der Vorstand eines Reiseunternehmers ohne touristischen Experten, ist wie ein Automobilunternehmen ohne Technikvorstand. Noch besser wäre allerdings gewesen, jetzt, in der Zeit des größten Nachfragerückgangs der Tourismusgeschichte, einen Marketingexperten in den Vorstand aufzunehmen. Der evtl. Einwand, dass Marketing und Vertrieb in der darunter liegenden Ebene vertreten sei, steht im Widerspruch zur kürzlichen Budgetvergabe an die Marketingagentur Jung von Matt/DBB, die gerade unter dem internationalen Gesichtspunkt eine multinationale Plattform aufbauen soll.
Die TUI-Vorstandsentscheidung zeigt, dass man einseitig auf Sanieren setzen will. Wie sagte vor kurzem einer der wenigen Management-Hoffnungsträger dieser Republik, Dr. Claassen (neuer Chef von EnBW, vorher Satorius): Man kann defensiv sanieren (dann ist bald nichts mehr übrig zum sanieren) oder offensiv sanieren durch Innovation und neue Marketingkonzepte. Wer die touristische Plattform dem Controller anvertraut, zeigt, dass er defensiv spielen will und nicht offensiv. Kein Automobilunternehmen würde die dringende Neuausrichtung einem ausgewiesenen Radfahrer anvertrauen (dies ist nicht persönlich gemeint, sondern nur hinsichtlich der Vertrautheit mit den Verkehrsmitteln). Gerade die erfolgreichen Töchter der TUI wie z.B. „l`tur“ oder „Berge und Meer“ sind offensiv und schnell und deshalb, nur deshalb, erfolgreich. Und die Branchenerfahrung dieser Manager hat sicherlich auch nicht geschadet.
Es gibt jedenfalls kein weiteres DAX-Unternehmen, in dem im Vorstand diese drei Elemente gleichzeitig fehlen: 1.) Kein Vorstandsmitglied stammt aus der Branche 2.) Es gibt keinen Produktions- oder Technikvorstand 3.) Es gibt keinen Marketingvorstand.
In einer Personalentscheidung war man allerdings sehr inkonsequent. Als neuen Chef des Bereiches „TUI Hotels & Resorts“ wurde ein ausgewiesener Experte für diese Aufgabe ernannt, nämlich der bisherige Robinson-Chef Karl Pojer (herzlichen Glückwunsch). Systemimmanent wäre die Entscheidung für einen, sagen wir beispielsweise früheren Controller für Bohrinseln gewesen.
Da die „Bissigen Bemerkungen“ wohlwollender sind als ihr Name sagt, setzen sie ein dickes Fragezeichen, was die Erfolgsaussichten dieses strategischen Ansatzes betrifft. Andere, die nicht so feinfühlend sind, wie beispielsweise die Wirtschaftspresse, haben bereits ein gnadenloses Negativurteil ausgesprochen. Selbst jene, die sonst immer alles etwas später verstehen, wie die Analysten, haben sofort negativ reagiert.
Ebenso sauer hat auch die Konkurrenz reagiert. Die in letzter Zeit einseitige Forcierung des Billigsegmentes durch TUI (ohne gleichzeitig einen nachhaltigen Input für die Hauptmarke TUI zu geben), ist nicht nur Reaktion auf einen Trend, sondern kräftige Anheizung dieses Trends. Die Wertvorstellung des Verbrauchers für das Produkt Reise geht vollständig verloren (wird zur „Krabbeltischware“, wie ein Verbandsfunktionär richtig meinte). Dies hat Auswirkungen nicht nur auf TUI, sondern auf die gesamte Branche.
05.05.2003 Ein Schiff voller Bellheims

Ohne offizielle Einladung, nur auf Zuruf, wurde ein Mainschiff für „Condorianer“ gechartert. Die Gespräche drehten sich nicht um das „Gestern“, sondern um die „Sorge für das Heute“. Danach wurde die Parole „Bellheim“ ausgegeben. Eine Firma zu gründen, die zum Erfolg nur eines braucht: Die Fehler der „Aktuellen“ zu vermeiden.
Kommentar Karl Born:
Einem Ondit zufolge, muss man „auf Schalke“ nur das Flutlicht einschalten und schon sind wenige Minuten später viele Tausende in der Arena. In Frankfurt muss man nur eine Condorfahne aufhängen und schon kommen Hunderte gelaufen. Das ist die Kraft starker Marken und das Engagement jener, die diese Marke über eine lange Zeit geschaffen und getragen haben. Wenn sich in den 70er-Jahren die damals „Alten“ der Condor getroffen hatten, wurde über Fußball gesprochen und dass man mit den „Aktuellen“ fast noch mithalten könnte. Wenn sich in den 80er und 90er-Jahren die damals sog. „Jungen Alten“ der Condor getroffen hatten, wurde über Fußball und Sex gesprochen und dass man mit den „Aktuellen“ allemal noch mithalten könnte. Wenn sich jetzt die „50up“ der Condor treffen, wird kurz über Fußball und Sex und dann über das laufende Firmengeschäft gesprochen und dass man das allemal noch besser könne als die „Aktuellen“. Üblicherweise wird beklagt, dass sich die Mitarbeiter heute zuwenig mit Politik und dem Wirtschaftsgeschehen identifizieren. Ganz anders bei Mitarbeitern, die so sehr mit ihrem Unternehmen verbunden waren, wie die alten „Condorianer“. Da wird nicht schwärmerisch von früher gesprochen und pauschal das heute kritisiert, sondern sich sehr konkret mit dem aktuellen Geschehen der ganzen Branche auseinandergesetzt. Da wird hinterfragt, ob es schon ein Erfolg sein kann, wenn eine neue Marke mit Millionenaufwand fast den Wert der abgelösten erreicht? Ob es schon kreativ sei eine Woche Urlaub für 9 Euro anzubieten? Ob jene Unternehmer erfolgreicher sind die millimetergenau dem Zeitgeist hinterher rennen oder jene die neue Trends dagegensetzen? Ob Aldi nicht deshalb erfolgreich ist weil seine Konzeption damals nicht Zeitgeist, sondern Gegentrend war?
Dass dann irgendwann der Geist des großen Bellheim über das Schiff wehte, spricht für das andauernde Engagement der Betroffenen, dass sie es nicht ernst gemeint haben, spricht für deren Intelligenz, dass sie dem aktuellen Branchengeschehen mit Unverständnis gegenüberstehen für deren Wissen und ihre mehrfache Erfahrung mit dem Überwinden von Krisen.
Nachtrag: Erinnern Sie sich noch an die BBB vom 27.1.2003 „Nackt fliegen“ ? Am Samstag, 3. Mai, fand der Flug tatsächlich statt.
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