„Wir sind Papst“ | 24.4.2005 (Prof. Karl Born)24.4.2005: „Wir sind Papst“

Mit dieser zugegeben starken Headline überraschte uns die Bild-Zeitung am Tag nach der Papstwahl. Abgesehen vom nationalen Stolz profitiert offensichtlich auch die Tourismus-Industrie vom deutschen Chef im Vatikan.
Kommentar Karl Born:
Vom „deutschen“ Papst wird die „deutsche“ Tourismusindustrie profitieren, meint der Deutsche Reisebüro- und Reiseveranstalterverband (DRV). Es wird eine Pilgerwelle Richtung Vatikan geben.
Zur Amtseinführung am Wochenende waren schon schätzungsweise 100.000 Touristen angereist. Lufthansa, Air Berlin und Deutsche Bahn waren gen Rom ausgebucht und werden es in den nächsten Wochen und Monaten auch bleiben. Nur Deutschlands Tourist Nr. 1, Joschka Fischer, musste zuhause bleiben und Schulaufgaben nachholen für den Visa-Untersuchungsausschuss.
Bayerns Ministerpräsident Stoiber reiste sogar mit einer 100-köpfigen Delegation an. Dabei waren Politiker aus allen Orten, in denen der frühere Erzbischof und Kardinal tätig war oder die er auch nur näherungsweise mal besucht hatte. Dieser Strom wird nicht abreissen bis endlich jede bayrische Ordenschwester und jeder Benediktiner-Mönch im Vatikan war. Stoiber hatte in seinem Gefolge auch Trachtler, Gebirgsschützen und Schuhplattler dabei. Achtung: Diese müssen gefälligst in Bayern bleiben, was sollen unsere ausländischen Gäste sagen, wenn sie diese bayrischen Sinnbilder nicht mehr bei uns antreffen. Da muss die DZT-Vorsitzende Frau Hedorfer sofort eingreifen und „Gefahr für den touristischen Standort Deutschland“ ausrufen, sonst werden die ausländischen Touristen statt nach Bayern gleich weiter in den Vatikan reisen.
Der große Gewinner aber heißt Hapag-Lloyd Express. Die hatten sich schon zu Lebzeiten des vorherigen Papstes Johannes Paul II die Exklusiv-Rechte für den Weltjugendtag vom 16. bis 21. August in Köln gesichert. Auf der offiziellen Homepage des Weltjugendtages gibt es jetzt sogar einen direkten Link zu HLX. Die Welt wird zu einer der ersten (vielleicht sogar der ersten) Auslandsreise des neuen Papstes schauen - und mitten drin das gelb-schwarze Taxi aus Hannover. „Herzlichen Glückwunsch“ kann man da nur sagen. Angeblich soll die Fluggesellschaft anschließend umbenannt werden in Papafly.
Nachdem TUI-Chef Dr. Frenzel sich vor kurzem mit dem Präsidenten der EU-Kommission Barroso getroffen hatte, steht nun als Steigerung ein Treffen mit dem Papst an. Ein kurzer Blick in dessen künftigen Reiseplan, könnte wertvoll sein. Denn wo immer der Papst in den nächsten Jahren hinfliegen wird, “sein deutscher Fanclub“ wird ihn begleiten, wie es bisher nur bei Karl Moik und Wetten dass der Fall war.
Der Kreativität der Reiseindustrie sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Schon bietet der Mietwagen-Broker CarDelMar allen die Benedikt heißen und am 19.4. (Tag der Ernennung von Benedikt XI) Geburtstag haben, 50% Rabatt (gilt vorerst bis 31. Mai, warum eigentlich?). Mit Sonderkonditionen für alle deren Eltern Maria und Josef heißen (wie die Eltern des Papstes) oder die „Marktl am Inn“ richtig schreiben können usw. kann das touristische Marketing jetzt so richtig anlaufen.
"Der Papst bringt Segen für den Rom-Tourismus", freut sich schon der Leiter des italienischen Fremdenverkehrsamtes, Italo Somariello. Für die deutsche Tourismus-Industrie könnte er zum göttlichen Beistand werden.
Für alle evangelischen Mitbürger bleibt da nur noch, sich auf das bevorstehende Antidiskriminierungs-Gesetz zu berufen.
------------------------ Bei soviel guten Nachrichten, leider auch eine schlechte: Bei der Tsunami-Katastrophe hatte der Australier Thomas Connell 20 Menschen in Thailand das Leben gerettet und wurde von den Medien als „guter Samariter vom Patong-Strand“ gefeiert. Leider erkannte ihn ein australischer Polizist bei einem Interview als gesuchten Verbrecher. Connell wurde verhaftet. Merke: Das Schicksal ist trotz neuem Papst noch oft ungerecht!
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