Hilfe ja, aber bitte seriös bleiben | 24.1.2005 (Prof. Karl Born)24.1.2005: Hilfe ja, aber bitte seriös bleiben

1. Nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag des Online-Reisebüros Travelchannel.de wollen 90 Prozent der Reisewilligen ihren Sommerurlaub ganz normal wie jedes Jahr planen. Nur vier Prozent geben an, dass sie ihre Urlaubsplanung auf Grund der Flutkatastrophe geändert haben. 2. Der CDU-„Haushaltsexperte“ Albrecht Feibel will Urlaubsreisen in „Flut-Staaten“ wie Thailand oder Sri Lanka in den nächsten Monaten von der Steuer absetzen können.
Kommentar Karl Born:
Die deutschen Bundesbürger haben ihre Anteilnahme an der Flutkatastrophe Südostasiens in einem Maße gezeigt, wie es kaum jemand für möglich gehalten hätte. Die Reisebranche unternimmt vielerlei Anstrengungen, um möglichst schnell wieder Touristen in diese Gebiete zu bringen. Dass die betroffenen Länder dies grundsätzlich auch wollen, ist ebenso unbestritten, von Behinderung der Hilfsarbeiten mal abgesehen. Aber bei letzterem standen nicht nur Urlauber im Wege, sondern mitunter auch durchreisende Politiker.
Aber bei der Propagierung von Unterstützungsmaßnahmen einerseits und dem permanenten Herunterspielen der Auswirkungen andererseits sollte man seriös bleiben. Wo liegt bei „90 % der Reisewilligen planen ihren Sommerurlaub ganz normal“ der Erkenntniswert? Warum sollen Spanien-, Österreichurlauber und andere ihre Urlaubsplanung ändern? Und „4%, die ihre Planung geändert haben“, sind weit mehr als die potenzielle Urlauberzahl im Sommer in die Südostasiatische Region.
Noch fragwürdiger ist die „Entwarnungsinfo“ dieser Befragung, „jeder Zweite der Befragten habe keine Bedenken, in den Urlaub zu fahren“. Typisch Statistik! Der Umkehrschluss müsse dann ja heißen, dass jeder andere Zweite eben doch Bedenken hätte in Urlaub zu fahren??
Noch doller (nicht erstmals) trieb es der ehemalige Reisebranche-Funktionär Feibel: „Steuerfreiheit“ für jede Reise in die „Flut-Staaten“. Ohne den Menschen in Südostasien zu nahe treten zu wollen, es wird höchste Zeit vergleichbare Hilfe auch für viele andere Gebiete mit unvorstellbarem Elend zu leisten. 100 Tage währte der Völkermord in Ruanda. In dieser Zeit wurden 800.000 hilflose Menschen abgeschlachtet wie Vieh und die Welt sah und sieht tatenlos zu (einschließlich Kofi Annan). Jede Minute stirbt ein Kind in Afrika an AIDS und insgesamt sterben jeden Tag 10.000 Menschen in Afrika an vermeidbaren Krankheiten.
Diese "Hilfe-Formel" darf nicht länger gelten: Geht es um Länder mit Öl kümmern sich die Amerikaner, geht es um Urlaubsziele kümmern sich die Europäer, der Rest der Welt hat Pech gehabt!
|