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24.2.2003 ITB 2003: Zehn wichtige Regeln für alle, die dabei sein wollen

Vom 7.3. bis zum 11.3. ist die ITB in Berlin wieder der touristische Nabel der Welt. Dem Publikum präsentiert sich eine der attraktivsten Messen, die es gibt. Ein Rundgang ist wie eine Reise um die Welt. Für Fachbesucher bedeutet die ITB vielerlei: Hartes Verhandeln um neue Kontingente und Preise, Trends beobachten und neue Trends setzen, Karrieren fördern, aber auch Eitelkeiten pflegen. Wer sich in diesem „Dschungel“ behaupten will, sollte 10 wichtige Regeln beachten.
Kommentar Karl Born:
10 wichtige ITB-Regeln: 1. Kommen Sie schon zur Eröffnungsfeier, die ist zwar in aller Regel stinklangweilig, aber setzen Sie sich in die erste Reihe. Entweder der Platz steht Ihnen ohnehin zu, dann zeigen Sie es. Oder, wenn Sie es noch nicht soweit gebracht haben, bleiben Sie am Rande der ersten Reihe stehen. Warten Sie, ob ein Platz frei bleibt und setzen Sie sich auf diesen Platz. Ab jetzt denkt jeder, Sie gehören dazu. Denken Sie daran, die ITB ist eine große Gerüchteküche hinsichtlich Auf- oder Absteiger. Alles was Sie tun, kann zum „sich selbsterfüllenden“ Gerücht werden.
2. Verzichten Sie auf den Messerundgang. Erstens ist er stressig, zweitens laufen nur Streber mit und drittens werden Sie im Gefolge von Wowereit sowieso übersehen. Bleiben Sie auf Ihrem ITB-Stand (sofern Sie noch einen bzw wieder einen haben). Drücken Sie sich dort am Eingang herum und begrüßen Sie im entscheidenden Moment den Regierenden Bürgermeister, wenn er vorbeikommt, quasi als Hausherr. Sind Sie der Boss Ihrer Firma, dann steht Ihnen das zu, wenn nicht, ist es eine gute Gelegenheit mal Boss zu üben (Ihrem Chef wird das zwar nicht gefallen, aber warum war er auch nicht da?).
3. Geben Sie viele TV-Interviews. Das ist nicht anstrengend, denn Sie können immer das gleiche sagen. Die meisten ITB-Interviews werden bei Arte, Phoenix, n-tv oder in den 3. Programmen nach Mitternacht ausgestrahlt, wo ohnehin keiner zuschaut. Aber Sie haben die Chance, dass zwei Sekunden daraus in ARD oder ZDF gesendet werden, wenn auch nicht mit Ihrem Originalton, weil die Sprecherin gerade sagt, das sei die ITB. Aber macht nichts. Man sieht Ihr Gesicht, im Zweifel wird das ohnehin der attraktivere Teil des Interviews gewesen sein, vorausgesetzt die Aufnahmen wurden noch vor der ersten Messe-Nacht gemacht.
4. Machen Sie viele Termine. Belegen Sie alle Termine mindestens doppelt. Das macht Eindruck bei Ihrer Sekretärin/ Frau/ Freundin (respektive Sekretär/ Ehemann/ Freund), wie wichtig Sie sind. Treffen Sie auch Verabredungen zum Frühstück, das zeigt, dass Ihr Terminkalender randvoll ist. Im Zweifelsfall stornieren Sie diese Termine kurzfristig oder erscheinen einfach nicht. Die anderen freuen sich über die dadurch gewonnene Zeit. Dem fehlenden Gesprächsinhalt müssen Sie nicht nachtrauern, bei der ITB geht es ohnehin nur um das „See you“.
5. Treffen Sie sich mit vielen Ministern, vorzugsweise aus afrikanischen Ländern. Das macht sich sehr gut, denn die Minister kommen mit großem Tross. In der Firmenzeitung zeigt dies Ihre Weltläufigkeit. Die Namen der Minister müssen Sie sich nicht merken, die meisten Tourismusminister sind es ein Jahr später nicht mehr.
6. Leisten Sie sich, ungeachtet der Sparmaßnahmen in Ihrem Unternehmen, auf der Messe einen Chauffeur. Man kann von Ihnen nicht erwarten, dass Sie Ihre Termine zu Fuß erledigen, außerdem haben Sie damit einen Arbeitsplatz geschaffen. Für den Chauffeur ist das Herumkurven auf der Messe zwar der Horror, aber Sie vermeiden damit, von jedem, an dessen Namen Sie sich ohnehin nicht erinnern können, unterwegs angequatscht zu werden. Wenn Ihnen trotzdem jemand begegnet, sagen Sie „Hallo“ und warten nicht auf eine Antwort.
7. Nehmen Sie viele Einladungen für Abendveranstaltungen an. Das macht sich immer gut. Wenn man Sie fragt, wo Sie heute Abend sind, ziehen Sie einen Stapel Einladungen aus der Tasche und demonstrieren Sie Ihren Stress, weil man „überall wünscht, dass Sie kommen“. Aufsteigertypen, die sich in Ihrer Nähe suhlen, können Sie großzügig eine Einladung abgeben. Die leuchtenden Augen des Beschenkten bestärken Sie in Ihrem Glauben an Ihre eigene Großzügigkeit. Bleiben Sie bei jedem Essen maximal für einen Gang. Wenn die ITB vorbei ist, wissen Sie, welche Lokalitäten Sie privat meiden sollten.
8. Werden Sie nach dem Geschäftsverlauf gefragt, verwenden Sie die Standardfloskeln: Das Ganze ist nur eine Delle (schließlich gibt es ja auch große Dellen), unser Kostensparprogramm greift, seit letzter Woche steigen die Buchungszahlen wieder, Süd-Ost-Bulgarien hat sogar 85% Zuwachs, der Irak-Krieg wird uns nur unterproportional treffen, wir haben Vorsorge für Umbuchungen getroffen, die ganze Sicherheitsdiskussion ist übertrieben. Da alle den gleichen „Quatsch“ erzählen, haben Sie gute Chancen, dass es die Journalisten glauben.
9. Erklären Sie am letzten Messetag, dass Sie diese „bescheuerte“ ITB noch nie leiden konnten und Sie im nächsten Jahr garantiert nicht kommen werden. Vergessen Sie aber nicht beim Verlassen Ihres Hotels, die schöne Suite für das nächste Jahr wieder zu reservieren.
10. Wenn Sie wieder (müde) zu hause sind, lassen Sie sich von Ehefrau/ Ehemann bedauern. Was Sie auf der ITB gemacht haben, hatte zwar den gleichen Wichtigkeitsgrad, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt, aber China ist immerhin die Zukunft im Tourismus.
Viel Vergnügen beim „same procedure as every year“.
17.2.2003 „Geiz ist geil“ und andere sexuelle Verirrungen

„Geiz ist geil“, heißt eine der neuen Werbebotschaften. Dabei darf man zu Gunsten der Texter hoffen, dass sie es in Wirklichkeit besser wissen. Zum Glück bietet auch in „diesen so schwierigen Zeiten“ das reale Leben Dinge, die „echt geiler“ sind als Geiz. Noch beängstigender sind allerdings die volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Die besonders schlichte Management-These der Supermärkte „immer die Billigsten an der Fleischtheke“ sein zu wollen, führte im Ergebnis zu BSE. Anscheinend haben andere Branchen daraus nichts gelernt.
Kommentar Karl Born:
Der Geiz sei männlichen Geschlechts, behauptet Goethe in Faust II. Manche leidgeprüfte Ehefrau wird dem mit lautem „Ja“ zustimmen. Wenn „Geiz ist geil“ jetzt auch zum Ersatz für differenzierte Marketingstrategien wird: Kein Wunder, die Mehrzahl der Topmanager sind noch immer männlich.
Als die Bissigen Bemerkungen am 11.11.2002 noch fragten „Wann führen die Billig-Airlines den Minus-Preis ein?“ war dies eigentlich als Satire gedacht (siehe auch das Datum: Helau!). Im Interview mit dem Anlegermagazin DMEuro deklamiert Ryanair-Chef O´Leary, seine Marketing-Strategie sei „immer die niedrigsten Preise zu haben, egal was die Konkurrenz macht“. Und auf die Frage „Was machen Sie, wenn die Konkurrenz die Tickets umsonst abgibt?“, antwortete er: „Dann werden wir unseren Kunden Geld dafür geben, dass sie mit uns fliegen!“ Spätestens jetzt hat das reale Leben mal wieder die Satire überholt. Aber O´Leary ist eigentlich auch die lebende Satire eines Luftfahrtmanagers.
Seine Begründung treibt den Unsinn, dann noch in die Höhe. „Wir haben die niedrigsten Kosten unter den europäischen Airlines, wir werden bei jedem Preis mithalten“. Ach so, hat Ryanair schon „Minus-Kosten“ um „Minus-Preise“ quotieren zu können? Natürlich nicht. Er holt sich sein Geld von den Flughäfen. Das mag sich für kleinere Flughäfen wie Hahn rechnen, die durch Ryanair einen immensen Aufschwung genommen haben. Wie sieht es aber mit der Preisgestaltung an den Airports aus, von denen Billig-Airlines und traditionelle Airlines fliegen? Erinnern Sie sich noch? Vor einem Jahr, im Februar 2002, führte die Deutsche BA den „Karnevalstarif“ ein. Dieses Jahr kam bei der BA der Aschermittwoch schon vor Karneval: Helau und Alaaf!
So schlecht war der Ansatz der Verbraucherministerin Künast nicht, den unverantwortlichen gegenseitigen Preisunterbietungen, nur unter dem Aspekt Marktanteile „um jedem Preis“ zu gewinnen, ein Ende zu machen. „Der Markt wird es regeln“ und „Es lebe die Eigenverantwortung der Wirtschaft“ riefen die Marktwirtschaft-Puristen im Chor. Doch wo war die Eigenverantwortung der Wirtschaft bei der Euro-Einführung, bei der Arbeitsplatzschaffung und bei hundert anderen Gelegenheiten in jüngster Zeit? Damit es recht verstanden wird, hier ist nicht die Rede von bürokratischen Regelungen à la Berlin oder Brüssel, von denen haben wir heute schon zuviel. Es geht um die Verantwortung der Manager für das langfristige Bestehen des eigenen Unternehmens und der Wirtschaft insgesamt. Wie immer man zu Reinhard Mohn stehen mag, seine Rede letzte Woche an die Adresse der Topmanager (nicht nur der von Bertelsmann) hat die aktuelle Problematik genau getroffen. Er hat jene gemeint, für die „strategische Planung“ das Placebo für nervösen Aktionismus ist.
Die richtige Preispolitik zu betreiben ist eine der schwierigsten Managementaufgaben die es gibt. Und wenn der „Verbraucher nicht verbrauchen will“, wie es die SZ formulierte, dann muss über den Preis ein Anreiz gegeben werden, auf einer betriebswirtschaftlich nachvollziehbaren Basis. Dies ist allerdings etwas anderes, als „Preise herunterhauen“ nur in der Absicht die Konkurrenz auszuschalten. Die Hoffnung danach Geld verdienen zu können, ist „wie einen Abgrund mit zwei Sprüngen überwinden zu wollen“.
In diesem Gesamtszenario muss auch die vierte Macht des Staates, die Presse, mehr Verantwortung übernehmen. Zu oft werden Abenteurer hochgelobt, die „billigsten“ Preise in immer neuen Tabellen hervorgehoben, um in der „Nach-BSE-Zeit“ voller „Sorge“ nach den Verantwortlichen zu suchen.
Als Nachbemerkung noch eine „unsportliche“ Forderung aus Hannover: Wann verschwindet endlich dieses Cottbus aus der Bundesliga?
10.2.2003 - Gesichtskontrolle

Seit Anfang des Jahres befindet sich auf dem Flughafen Berlin-Tegel eine Anlage zur Biometrischen Gesichtserkennung im Testbetrieb. Nur autorisierten Mitarbeitern, deren Gesicht erkannt wird und mit dem hinterlegten Bild übereinstimmt, wird nach vollzogener Verifizierung automatisch der Zugang gewährt. Ob dieses System im täglichen Betrieb funktioniert? Nach manch durchzechter Nacht hat man selbst morgens sein eigenes Spiegelbild nicht mehr erkannt.
Kommentar Karl Born:
Ein Hoch auf den großen Bruder. 1984 ist längst vorbei, doch plötzlich holt die Vergangenheit die Zukunft ein. Von manchem Gefängnis kennt man das System. Gesichtskontrolle, damit jene, die hineingehen, auch jene sind die herauskommen. Keine Ahnung, warum der Flughafen Berlin diese Kontrolle jetzt übernehmen will. Im Prinzip ist das System verblüffend einfach: Zum Einpflegen ins System genügt das einmalige Einlesen der Person per Kamera. Das Bild wird an einen Rechner übertragen, welcher die Vektoren speichert. 1700 Biometriepunkte des Gesichts einer jeden Person werden fortan bei jedem Kontakt innerhalb von nur ca. 2 Sekunden verglichen. Aber wird es im Praxisbetrieb wirklich so einfach sein? Wie oft hat man selbst nach durchzechter Nacht morgens sein eigenes Spiegelbild nicht erkannt. Das könnte ohnehin die Steigerung im System sein. Wenn das Live-Bild gegenüber dem gespeicherten Bild deutliche "Verschleißerscheinungen" zeigt, muss ein Testfeld angehaucht werden. Ab einem bestimmten angezeigten Restalkoholgehalt wird der Zugang verweigert und automatisch ein Urlaubstag abgetragen.
Sollten die praktischen Erfahrungen erfolgreich sein, könnte das System zu sensationellen Veränderungen in der Reisebranche führen. Bei Buchung im Reisebüro wird ein entsprechendes Foto aufgenommen, abgespeichert und an Fluggesellschaft und Hotel übermittelt. Damit entfällt das Ausstellen der Reiseunterlagen. Check In am Flughafen und im Hotel erfolgt danach automatisch. Für die All Inklusive-Reisenden entfällt das juristisch umstrittene farbige Armband, weil der Gesichtsscanner sofort anzeigt, wer welche Verpflegungsart gebucht hat. Für die Heimreise wird automatisch die Erkennungs-Fehlertoleranz leicht erhöht, damit das durch reichliches Essen leicht breitere Gesicht noch akzeptiert wird.
Über die erhöhte Sicherheit im Zielgebiet, nicht gerade das Lieblingsthema der Reiseveranstalter, braucht im Katalog kaum noch ein Wort verloren werden. Der Gesichtsscanner prüft unauffällig die Zugangsberechtigung.
Auch auf den diversen Medientreffs könnte der Gesichtsscanner hilfreich sein. Jeder eintreffende Gast wird automatisch erkannt und sein Name je nach Prominenz entsprechend laut genannt, z.B. laut und von jedermann beachtet „Herzlich willkommen Dieter Bohlen“ und nur unverständlich flüsternd „Wir begrüßen Herrn und Frau Mustermann“.
Wie immer kann die Technik natürlich nicht alles leisten. Um im Beispiel Berlin zu bleiben, konnten wir vor wenigen Tagen lesen, dass die Privatisierung und damit der geplante Bau des Berliner Großflughafens sich weiter (und vielleicht für immer) verzögert, weil die staatliche Flughafen-Holding BBF und das private Bieterkonsortium um den Bauriesen Hochtief und dem Immobilienkonzern IVG sich wiederum nicht auf einen unterschriftsreifen Vertrag einigen konnten. Der Gesichtsscanner kann nur prüfen, ob „Köpfe identisch sind“, er kann nicht prüfen, ob auch „etwas Vernünftiges darinnen steckt“. Der Schweizer Schriftsteller Heinrich Wiesner formulierte dies so: "Wer kommt wird nach seinem Gesicht beurteilt, wer geht nach seinem Kopf." 03.02.2003 - Gabriel auf Jobsuche

Nach der Wahlniederlage hat der bisherige Ministerpräsident Gabriel angekündigt, sich vorerst einen Job außerhalb der Politik zu suchen. Dabei sollte ihm die TUI hilfreich zur Seite stehen. Schließlich ist sie ja auch schuld, dass er, nach der Glogowski/TUI-Affäre, Ministerpräsident „werden musste“.
Kommentar Karl Born:
Das Foto des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Glogowski vor der TUI-Fahne war für Glogo das Ende und für Gabriel der Start als MP. Insofern trägt TUI eine gewisse, wenn auch unfreiwillige, Mitschuld, dass Gabriel so früh in die Verantwortung musste. Zur Unterstützung hatte TUI ihm sogar eine leitende Mitarbeiterin als Wirtschaftsministerin gestellt.
Und nun? Gabriel vor der neuen TUI-Fahne mit dem TUI-Logo würde sich gut machen: Don`t worry, be happy. Hätte man einen Job für ihn? Darüber sollte man die nächsten Tage nachdenken.
Notfalls könnte man ihn immer noch bei „Investor Relations“ einsetzen. Gabriel erreichte bei der Wahl zwar nur 33 %-Punkte, aber 33 wäre für die TUI-Aktie ein ambitioniertes Ziel.
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