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Tourismuspolitik im Land des Lächelns | 11.12.2005 (Prof. Karl Born)11.12.2005: Tourismuspolitik im Land des Lächelns


Wer die zwei mageren Sätze in der Koalitionsvereinbarung zum Thema Tourismus gelesen hat, wird kaum einen Grund zum Lächeln finden. Wer die personelle Umsetzung dazu vernommen hat, wird sich kugeln vor Lachen.
Außerdem sollen wir alle lächeln, als freundliche Gastgeber der Fußball Weltmeisterschaft. Das hat uns unser Wirtschaftsminister jetzt verordnet.


Kommentar Karl Born:

Zwei Sätze stehen in der Koalitionsvereinbarung zum Thema Tourismus (quantitativ vergleichbar mit den Ausführungen zur Fischereiwirtschaft oder zur Filmwirtschaft) und zwar: „Die mittelständisch geprägte Tourismuswirtschaft muss weiter gestärkt und international besser positioniert werden. Die Wirksamkeit der Deutschen Zentrale für Tourismus muss verbessert und ihre Förderung auf hohem Niveau fortgesetzt werden.“

„Mittelständisch“, liest sich immer gut. Aber just for info: Mehr als 70% des Veranstalterumsatzes und mehr als 70% des Reisebüroumsatzes entfallen auf zusammen drei Firmen: TUI, Thomas Cook und Rewe-Touristik. Schöne Mittelständler.

Die „Tourismuswirtschaft soll international besser positioniert werden“, klingt auch gut. Der für Tourismus zuständige Minister Michael Glos hat auf dem Tourismusgipfel bekannt gegeben, dass die neue Stelle des „Tourismusbeauftragten der Bundesregierung“ geschaffen wird. Und wer wird nun Tourismusbeauftragter? Man glaubt es kaum: Ausgerechnet Ernst Hinsken, dessen Tourismuswelt an der bayrischen Grenze aufhört, soll diese internationale Positionierung vorantreiben. Unvergessen sein Ratschlag „mehr Urlaub im eigenen Land zu machen, bis sich die weltweite Sicherheitslage wieder beruhigt habe“ (siehe BBBs vom 31.7.2005). Das ist bayrische Internationalität.

„Die Wirksamkeit der Deutschen Zentrale für Tourismus muss verbessert werden", das hätte man gerne genauer gewusst. So liest es sich eher als unverdiente Kritik an der bisherigen erfolgreichen Arbeit der DZT. Oder ist das die Retourkutsche über die Verärgerung von Hinsken, dass die Vorsitzende der DZT, Frau Petra Hedorfer, zur diesjährigen Eröffnungsveranstaltung der ITB im roten Kostüm erschienen war (siehe BBBs vom 27.3.2005)? Sie wird sicherlich auch noch ein schwarzes Kleid haben (oder vielleicht rot/schwarz geringelt).

Und dann war letzte Woche noch ganz Deutschland im Vor-WM-Taumel. Na, ja, zumindest die Offiziellen. Und damit auch alle während der Fußball-WM recht fröhlich sind, soll dies durch eine „Nationale Service- und Freundlichkeitskampagne“ erreicht werden. Präsentiert wurde diese Kampagne von Franz Beckenbauer und Michael Glos im Hotel Adlon in Berlin.
Ort und Kampagneninhalt sind ähnlich abgehoben, der Vergleich mit „Du bist Deutschland“ drängt sich direkt auf. Das Volk will einfach nicht kapieren, dass es fröhlich zu sein hat. Wie sagte Michael Glos bei der Präsentation: „Wir Deutsche lächeln ehrlich“. Also was von beidem, lächeln oder ehrlich?

Hannover ist einer der WM-Spielorte. Dort ist auch einer der großen Fußball WM-Sponsoren zu Hause, der Reifenhersteller Continental. Der Groß-Sponsor kündigte dieser Tage locker eine Betriebsvereinbarung, die den Mitarbeitern ohnehin schon große Zugeständnisse abverlangt hatte. Er will jetzt einen Betriebsteil komplett schließen und 320 Menschen arbeitslos machen. Nicht weil Continental kurz vor dem Aus steht. Das würde man ja verstehen. Nein, die bisherige – im Übrigen nicht schlechte- Rendite „genügt nicht internationalen Ansprüchen“! 30.000 Menschen haben in Hannover gegen diese Maßnahme protestiert.
Ein weiterer WM-Sponsor ist die Telekom. Die gleiche Problematik, nur muss man an die Conti-Entlassungen noch eine oder zwei Nullen anhängen.

Aber lache Bajazzo, ist auch der Job weg. Und die „Wegrationalisierer“ sitzen in ihrer Loge und erwarten Begeisterung von den Fans.

Natürlich sollte man nicht vergessen, dass die WM auch einen großen wirtschaftlichen Aufschwung verursachen wird. Laut Expertenmeinung werden besonders die Hersteller von Sportschuhen und Flachbildschirmen davon profitieren.
Toll, Made in Germany? Und das sicherlich während der WM gut belegte Adlon fährt seine Wäsche zum Waschen nach Polen.
Immer schön weiterlachen, Bajazzo.

Zuletzt noch eine (wahre) Petitesse zum Luxushotel Adlon. Zwei Manager sitzen im Foyer des Adlons. Ab Mitternacht hat einer der beiden Geburtstag, er will Champagner bestellen. Antwort des Ober: „Da sind sie um eine (!) Minute zu spät, ab 24 Uhr gibt es hier keine Getränke mehr, nur noch an der Bar.“ Da verging den beiden Managern (einer wohnte sogar im Hotel) die Freundlichkeit.

So hat halt jeder seine Sorgen in unserem schönen Gastgeberland.

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Damit es kein Missverständnis gibt:
Freundlichkeit ist elementarer Bestandteil einer Dienstleistung. Sie setzt Motivation der Mitarbeiter und vor allem Vorbild der Vorgesetzten voraus und kann nicht angeordnet werden. Die Mehrheit der deutschen Dienstleister haben einen guten bis sogar sehr guten Ruf. Eine abgehobene Kampagne wird den Rest auch nicht freundlicher machen, eher im Gegenteil.





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