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28.11.2004 Wenn Eskimos den Nomaden Glatteis erklären


Wer ist der richtige Keynote-Speaker auf einer Tagung? Der DRV hat für seine Tagung den Unternehmensberater und Buchautor („ALDI-Erfolgsstory“) Dieter Brandes verpflichtet, der FVW-Kongress vor wenigen Wochen den Ex-Chef von Bertelsmann Music Group (BMG) Europe, Thomas Stein.
Beide glänzten mit tollen Lösungsansätzen, diese hatten nur ein kleines Manko, sie passten nicht zu den aktuellen Problemen!


Kommentar Karl Born:

Es ist immer das gleiche Malheur mit der Verpflichtung des richtigen Keynote-Speakers. Kommt er aus der Branche, motzen einige „nicht interessant genug“ und andere sagen „warum der und nicht ich?“. Also verpflichtet man einen „Promi“ aus einer anderen Branche. Das kann einerseits richtig sein, weil man gelegentlich ja bekanntlich „über den eigenen Horizont“ hinausschauen soll. Und da gibt es manches, was man sicherlich positiv aufgreifen und adaptieren kann. Aber andererseits, gibt es nun mal einige Branchenspezifika und die sollte man schon berücksichtigen, bevor man Ratschläge gibt.

In der Musikindustrie z.B. kann man über Internet nicht nur den Kaufvorgang abwickeln, sondern das „Gut“ auch körperlich erwerben und sofort nutzen. Und was man dabei erwirbt ist jedem präzise klar, da muss nichts erklärt werden, da gibt es keine Ungewissheit. Das ist bei Urlaub noch immer etwas anders (solange kein virtueller Urlaub „heruntergeladen“ werden kann!). Beides ist nun wirklich nicht vergleichbar.

Ebenso schief liegt der Vergleich zu Aldi.
Aldi hat konstant günstige Preise, aber Urlaub ist Saisongeschäft und hat deshalb Saisonpreise.
Aldi hat ein limitiertes Angebot, z.B. wenige Sorten Erbsen. Kein Problem, Oma, Opa, Mama, Papa, Tochter und Sohn essen die gleichen Erbsen, da ist auch keine Erklärung nötig (es sei denn, sie wurden „verkocht“). Aber Oma, Opa, Mama, Papa, Tochter und Sohn wollen nicht den gleichen Urlaub! Diese Urlaubsvielfalt will (zum Glück) auch niemand ändern, am wenigsten die Zielgebiete.
Aldi kann seine Angebotskapazitäten relativ schnell ändern; ein Flugzeug bei Bedarf ein Stückchen „aufblasen“ oder verkleinern, hat noch keiner geschafft.
Die Liste kann noch um einige Punkte erweitert werden und deshalb war und ist der Begriff Aldisierung für die Urlaubsbranche auch super-falsch.

Leider erliegen zudem die meisten Top-Referenten dem allbekannten Syndrom „von Urlaub versteht jeder etwas“ (das kennen wir in der Branche schließlich zur Genüge!). Das ist wie Werbung und Bundesligafußball, da glaubt auch jeder mitreden zu können. Und dann gibt es „mächtig was auf die Nase, ob der vielen Unfähigkeiten dieser Branche“. Bravo, kommt immer gut an.

Anschließend darf das geneigte Publikum erleben, dass „Eskimos den Nomaden Glatteis erklären und was man daraus für die Wüstenwanderung lernen kann“.
Dann fragt eben der eine, ob die Reisebüroverkäufer „auch wüssten was in den Katalogen steht“ und der andere rät „man müsse mit den Kunden reden, damit man wisse, was die Kunden für einen Urlaub wollen“ (und noch Beispiele mehr). Der neutrale Beobachter wundert sich dann, dass das „angesprochene Publikum“ dies alles so ohne weiteres hinnimmt und noch mit Beifall belohnt.

Verbesserungsvorschlag: Zu einem aktuellen Thema einen Pro- und einen Contra-Redner verpflichten, die gezielt unterschiedliche Standpunkte pointiert vertreten und auch das Diskussions-Podium mehr pro und contra besetzen. Dann wird sich bestimmt auch das Publikum stärker an der Diskussion beteiligen.

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