17.10.2004 Das Mensch gewordene Bachneunauge

In Hamburg soll die Startbahn der Airbus-Werke um 589 m verlängert werden. Man erhofft sich dadurch eine Sicherung oder sogar zusätzliche Schaffung von Arbeitsplätzen. Z.Z. scheitert das Projekt daran, dass einige Bürger des Dorfes Neuenfelde dagegen protestieren und eine „Handvoll“ Eigentümer sich weigern ihre Obstbaum-Grundstücke zu verkaufen (siehe SZ, 14.10.2004). Erleben wir hier den Kampf des „kleinen gallischen“ Dorfes gegen die „selbstherrlichen Römer“ oder ist es der Versuch einiger gieriger Bauern richtig Kasse zu machen oder ist sogar das Bachneunauge (siehe BBB vom 11.1.2004) zum Menschen mutiert und ärgert schon wieder einen Flughafen? Angesichts dieser Geschichte ist geradezu unverständlich, dass einige Kilometer weiter östlich in Berlin, ein Flughafen, der weder von seltenen Urkreaturen noch von Apfelbauern bedroht wird, von der Flughafenverwaltung geschlossen werden soll. Es ist wahrscheinlich der einzige Flughafen in Europa, wo gegen die Flughafenleitung nicht auf Schließung oder Verminderung, sondern auf Offenhaltung geklagt wird.
Kommentar Karl Born:
Es ist schon eine irre Geschichte. Da überschlagen sich die Schlagzeilen mit neuen Horrormeldungen über den Wegfall von Arbeitsplätzen in verschiedenen Branchen. Die Politik wird immer wieder aufgefordert helfend einzugreifen. Im Hamburg ist nun die Verlängerung der Landebahn für Airbus eine Chance die Verlagerung von Arbeitsplätzen an den französischen Standort Toulouse zu verhindern. Aber im Westen der Stadt leistet ein kleines Dorf heftigen Widerstand.
Der erste Versuch die Handvoll Obstbauern zu enteignen, scheiterte an einem Richter, mit offensichtlichem Hang zum Apfel-Fetischismus, der die Maßnahme für „unangemessen“ hielt.
Jetzt hat die Stadt angeboten: Bestandsgarantie für den Ort, Ausgleichfläche für die Obstbauern, Garantie, dass es in Zukunft darüber hinaus keine weitere Startbahnverlängerung geben wird, Zusage, dass die umstrittene Autobahn A 26 beim Bau so weit wie möglich um das Gebiet herumgeführt und drei Millionen Euro für einen Fond zur Weiterentwicklung des kleinen Dorfes. Von solchen Angeboten träumen die Arbeiter von Opel, Karstadt usw. usw.
Kämpft hier ein kleines Dorf für eine gerechte Sache? Das erscheint mehr als zweifelhaft wenn man die Argumentation des Sprechers des „Schutzbündnisses für Hamburgs Elbregion“ liest, der meint sich wie folgt äußern zu müssen: „So billig wäre noch niemand an eine Landebahn gekommen“. Dann weiß man ja Bescheid, worum es geht.
Die Bissigen Bemerkungen haben, wie immer, eine ganz andere Erklärung. Die treuen BBB-Leser erinnern sich bestimmt noch an die Geschichte mit dem Bachneunauge in einem Bach am Flughafen Münster-Osnabrück (übrigens die am meisten gelesenen bissigen Bemerkungen). Für das Bachneunauge (in der Literatur auch Bachneuenauge genannt), mussten in die Rollbahn Lichteinlassfenster eingebaut werden. Bachneuenauge und Neuenfelde, ob es da biologisch gesehen, eine Verbindung gibt? Wäre immerhin ein Hoffnungsschimmer, denn bekanntlich „verabschiedet“ sich das Bachneunauge nach dem ersten Geschlechtsakt, dann wäre das Ende des Dorfes ja vorhersehbar. Angesichts dieser fast üblichen Probleme am Rande von Flughäfen versteht keiner das Theater um den Flughafen Tempelhof in Berlin. Kein Bachneunauge weit und breit, keine streitlustigen Apfelbauern, keine geldgierigen Sprecher irgendwelcher Initiativen. Da ist es der Flughafenverwaltung zu langweilig geworden und meint auf einen solch unspektakulären Flughafen verzichten zu können. Deshalb zahlt hier der Flughafen „Überzeugungsgeld“ nicht an Anrainer, sondern an Fluggesellschaften, dass Sie den Flughafen verlassen. Das führte zu der wahrscheinlich europaweit einmaligen Situation, dass gegen eine Flughafenleitung auf Offenhaltung eines Flughafens und nicht auf Schließung oder Verminderung geklagt wurde. Letzter Stand: Das Gericht entscheidet gegen eine Flughafenschließung (Fortsetzung folgt).
Ist dies alles nur ein typisch Berliner „Anders-Sein-Wollen“ oder mutiert dieses Urvieh Bachneunauge in unterschiedliche Varianten, mal in Obstbauern und im Einzelfall sogar mal in Flughafenmanager?
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